Test: Lake Haven – Chrysalis
PS1-Grusel für 2,99 €: Ein vermisster Fall, ein leeres Haus und ganz viel Twin Peaks. Mein Test zum Prolog.

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Worum geht’s?
Marianne meldet ihre Freundin Eleanor als vermisst, nachdem alle Versuche, sie zu erreichen, ins Leere gelaufen sind. Die Polizei schickt Officer Zeke Reynold los. Die Fahrt zum Haus zeigt eine kurze, atmosphärische Cutscene mit filmreifer Kamerafahrt. Natürlich ist es Nacht (warum sollte ein Polizist einen möglichen Tatort auch tagsüber untersuchen?), und links und rechts säumen einladend verdorrte Rapsfelder die Landstraße. Vor dem Haus übernehmen wir die Kontrolle.
Im Pixel-Look der PS1-Ära wirkt alles minimalistisch, aber stilsicher und schaurig. Mir persönlich fehlte stellenweise der Mut zu Farbe, etwas mehr Licht (trotz Nacht) und mehr Details in der Spielwelt. Dazu gleich mehr.
Im Briefkasten liegen ungeöffnete Briefe von Marianne, die uns überhaupt erst hergeführt haben. Daten und Inhalt verraten: Eleanors Verschwinden hängt mit etwas zusammen, das mindestens zwei Wochen zurückliegt. Die verschlossene Haustür und die völlige Leblosigkeit erzeugen sofort eine gruselige Stimmung, die neugierig macht. Hinter dem Haus findet sich eine Nachricht von Ehemann James, der Eleanor wegen ihrer Wesensveränderung verlassen hat. Weiter geht’s zu einem Brunnen mit brennenden Kerzen, der in ein bergwerkähnliches Areal à la Resident Evil 1 führt. Gleich am Eingang liegt Eleanors Tagebuch, das konkret (wenn auch kryptisch) beschreibt, was sie verändert hat.
Bei der überschaubaren Größe findet man diese drei Schriftstücke fast zwangsläufig in derselben Reihenfolge, innerhalb von zwei Minuten. Sie stecken die Ausgangslage vollständig ab; alle weiteren Notizen vertiefen nur noch Gedanken und Motive. Hier hätte ich mir weniger, dafür prägnantere Einblicke gewünscht und mehr Erzählen über die Welt selbst. Ein Beispiel: Eleanor schreibt von einem Streit mit James, bei dem eine wertvolle rote Vase zu Bruch geht, und der aufmerksame Spieler findet später die Scherben im Mülleimer. Genau so etwas meine ich mit „Spielwelt ausschmücken“.
Rätsel wie früher
Im Kern nutzt das Spiel die Mechaniken alter Resident-Evil- und Silent-Hill-Teile: Schlüssel, Brecheisen und Co. finden, an der richtigen Stelle einsetzen und sich so Raum für Raum erschließen. Manche Gegenstände muss man untersuchen oder kombinieren. Nie kam ich an einen Punkt, an dem ich den Controller wegen unlogischer Rätsel gegen die Wand pfeffern wollte. Der Schwierigkeitsgrad ist niedrig. Bei einem Spiel, das voll auf Atmosphäre und eine Twin-Peaks-artige Geschichte setzt, ist das für mich ein klarer Vorteil. Kein endloses Herumprobieren, kein Online-Guide.
Die Knarre an der Hüfte ist eher Deko, und mit unendlicher Munition stellt das Spiel klar: Lake Haven – Chrysalis ist kein Action-Adventure. Und für alle, die immer noch Angst haben: Es gibt einen Speicherpunkt. Scheitern ist praktisch unmöglich.
Übergeordnet gilt es, ein mehrteiliges Rätsel zu lösen. Hinweise stehen auf herausgerissenen Seiten aus dem Buch „The Golden Arrow“, dessen märchenhafte Geschichte die Bedingungen fürs Weiterkommen beschreibt. Witzig: Die Seiten lassen sich per „Kombinieren“ wieder ins Buch einfügen. Inhaltlich nachvollziehbar, spielerisch aber ohne jeden Zweck. Auch die Hinweise selbst sind meist überflüssig, weil der Lösungsweg offensichtlich ist (eckige Platte in eckige Aussparung). Beim ersten Durchgang haben sie mich eher verwirrt.
Nur ein Hinweis ist (vermeintlich) nötig, um eine bestimmte Uhrzeit einzustellen: „It was midnight when the final blow fell apon the beast […]“. Genau hier stutzte ich. An mehreren Stellen im Spiel zeigen Uhren 23:59 – eine davon sieht man schon früh in einem optionalen Gebiet (übrigens ein verdammt cooles Easter Egg). Also stellte ich ohne nachzulesen 23:59 ein, und es funktionierte, offenbar mit eingebautem Spielraum. Dass im Buch von „midnight“ die Rede ist, ich die Zeiger aber nie dorthin gedreht hatte, ließ mich glauben, etwas falsch gemacht zu haben. Nicht wild, der Weg geht weiter. Aber eine unglückliche Designentscheidung.
Gegen Ende lässt das Spiel optisch noch einmal die Muskeln spielen, sowohl in der Abstraktheit der Ereignisse als auch im Aufwand der Inszenierung: ein echtes Highlight. In einer Situation nimmt man langsam Schaden und kann theoretisch sterben, doch auch hier bleiben die Entwickler fair und ersparen einem nervige Neustarts.
Fragt mich bitte nicht nach der Deutung der Geschichte (wäre ohnehin Spoiler). Sie lässt Gedanken in viele Richtungen zu, und das gefällt mir. Weil Lake Haven – Chrysalis nur ein Prolog ist, freue ich mich auf das Hauptspiel: Dort klären sich sicher viele Fragen, und manche Details wirken im Rückblick plötzlich wichtig. Hängt die Kamerafahrt in der Spiegelszene mit der Autofahrt zusammen? War das Foreshadowing? Folgen wir James? Wird Marianne genesen und sich Zeke und der unbekannten Macht stellen? Welche Easter Eggs warten noch? Noch tappe ich im Dunkeln, aber ich bleibe gespannt.
Fazit
Für erschwingliche 2,99 € (Steam) kann ich das Spiel allen Fans der alten Schule (Resident Evil, Silent Hill) mit Faible für Twin Peaks uneingeschränkt empfehlen. Mit rund einer Stunde Spielzeit (mit Easter Egg etwa anderthalb) ist es ein kleiner Leckerbissen und ein toller Auftakt fürs Hauptspiel. Neben den genannten Kritikpunkten wünsche ich mir für die Fortsetzung eine VSync-Option, die zum Zeitpunkt des Tests noch fehlte.
Chrysalis (von altgriechisch chrysós, „Gold“) heißt die Puppe: das fast bewegungslose Übergangsstadium zwischen Larve und fertigem Insekt. Ein passender Name für einen Prolog. Nach Wikipedia
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Danke für den ausführlichen Test, liebe Kuh! :*